Köpenicker Alt-Stadt-Spiel

Etwas über die wahren Legenden der Altstadt-Insel von Berlin-Köpenick

Die 7 Köpenicker Weltwunder:

Der bekannteste Lehrer von Köpenick hieß Dummer.
Der Stadtarzt hatte den einladenden Namen Todt.
Der Blick vom Krankenhaus ging direkt auf den Friedhof.
Das Fräulein von Flemming gründete den Jungmännerverein.
Das Gefängnis fand man in der Straße Freiheit.
Zum Ratskeller musste man in den ersten Stock steigen.
Ein Bürgermeister trug den vielsagenden Namen Borgmann.

Ihr glaubt, die Personen und Orte sind frei erfunden? Oh nein. Es gab sie wirklich im alten Cöpenick (seit 1930 mit "K" geschrieben).
Die genannten Personen lebten zur selben Zeit und kannten einander. Bürgermeister Borgmann und Dr. Todt waren Freunde. Alle waren anerkannte und tüchtige Bürger, so ist es überliefert.

Lange Zeit war Köpenick eine eigene kleine Stadt, umgeben vom Wasser der Flüsse Dahme und Spree. Erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts dehnte sich das Städtchen über seine Brücken aus. Es entstanden die Cöpenicker Vorstädte mit neuen Fabriken und Wohnsiedlungen für viele Arbeiter.

In diese Zeit fiel das segensreiche Wirken dieser Menschen. Zum Wunder wurden sie wohl wegen der wunderlichen Widersprüche ihrer Namen zu ihren Tätigkeiten in Ämtern und Vereinen. Ihre erfolgreichen Hinterlassenschaften trugen sicher ebenfalls dazu bei.
Auch das Krankenhaus am Friedhof existierte wirklich, ebenso das Gefängnis in der “Freiheit” und der Ratskeller im Obergeschoss eines Hauses. Ein wenig wunderlich klingen diese Dinge auch, oder? Die Köpenicker jedenfalls behielten ihre Wunderlinge in humorvoller Erinnerung und erhoben sie kurzerhand zu Köpenicker Weltwundern - sieben an der Zahl.

Wir wollen kurz berichten, wer oder was sich hinter den 7 Köpenicker Weltwundern verbirgt:

Der Lehrer Dummer war zu seiner Zeit bereits einer von vielen Lehrern in Köpenick. Maximilian Dummer unterrichtete und erzog ab 1882 28 Jahre lang hunderte Köpenicker Schüler. Dass ausgerechnet ein Lehrer mit "Herr Dummer" angesprochen wurde, machte ihn wohl in der Erinnerung seiner vielen Schüler unvergesslich. Ein bekannter Mann war Maximilian Dummer vor allem wegen seiner Tüchtigkeit in mehreren Gremien und Vereinen.

Vielleicht bekamen die Patienten einen Schreck, wenn sie das erste Mal den Namen des Köpenicker Stadtarztes hörten: Dr. Todt. Aber das gab sich sicher schnell. Denn als Stadt- und Armenarzt half Dr. Adolf Todt von 1874 bis 1902 vielen Menschen. Er war es auch, der sich für ein Krankenhaus einsetzte, das er dann bis zu seinem eigenen Tod leitete.

Um 1870 entstand jenes von Dr. Todt geleitete Krankenhaus. Direkt am Friedhof gelegen, hatten die Patienten sozusagen den Tod vor Augen, wenn sie aus dem Fenster sahen. Das Krankenhaus stand nicht in der Köpenicker Altstadt, die bot nicht mehr genügend Platz, sondern es wurde in der Köllnischen Vorstadt gebaut. Dort, in der Rudower Straße, findet der Besucher heute noch den Friedhof. Das Krankenhaus ist schon lange umgezogen, das Gebäude existiert inzwischen nicht mehr.

Die Gründung des Evangelischen Jungmännervereins soll im ausgehenden 19. Jahrhundert auf das segensreiche Wirken der damals bereits betagten Adelheid von Flemming zurückgehen. Fräulein von Flemming entstammte dem alten Adelsgeschlecht der von Flemmings aus dem Hause Buckow, einer Lehnsherrschaft von 14 Rittergütern in der Märkischen Schweiz. Es heißt, sie hätte sich stets nur verschleiert gezeigt. Geheiratet hat Fräulein von Flemming nie. Die Flemmingstraße ist nach ihr benannt und zeigt einen kleinen Teil des Ortes, auf dem sich ihr Landgut befand.

Es klingt ganz schön höhnisch, wenn ein Gefängnis direkt in der "Freiheit" steht. So heißt die Straße, in der Ihr noch heute eine Zelle des ehemaligen Amtsgefängnisses finden könnt. Doch diese Straße hieß schon so, lange bevor 1879 das Amtsgericht mit Gefängnis gebaut wurde. Um 1690 wurden hier Hugenotten angesiedelt, um die sich ausschließlich der Kurfürst kümmerte. Sie waren von bestimmten Steuern und Abgaben befreit, so dass man die Siedlung der Hugenotten zunächst "Kurfürstliche Freiheit" nannte. Später blieb der Straßenname "Freiheit" übrig.

Ja wirklich, der Ratskeller befand sich im 19. Jahrhundert im ersten Stock. Natürlich benötigte man keine Leiter, um hineinzugelangen. Man benutzte wohl eine ganz normale Diele mit Treppen. Der Ratskeller befand sich auch nicht im heutigen Rathaus, das damals noch gar nicht gebaut war, sondern im oberen Geschoss eines zweistöckigen Eckhauses am Schlossplatz an der Straßenecke Alt-Köpenick. Heute steht dort das große Bürgerhaus mit dem hübschen Dachtürmchen. Auch das alte Rathaus war ein eher unscheinbarer Bau mit nur zwei Etagen. Für einen Ratskeller war dort wahrlich kein Platz. Das heutige Rathaus Köpenick, schön und durch den Hauptmann berühmt, wurde 1902 bis 1904 an gleicher Stelle gebaut. 1905 zog der Ratskeller in das neue Rathaus um und erhielt so einen gebührenden Platz - im Keller.

Als letztes Köpenicker Wunder stellen wir Bürgermeister Borgmann vor. Auch hier ist es wohl der kuriose Name, der den Bürgermeister zum Wunder werden ließ. Genau weiß man nicht, ob und wie oft Gustav Borgmann eine leere Stadtkasse vorfand und borgen musste. Wahrscheinlich war das nicht der Fall. Denn Bürgermeister Borgmann war eine wichtige Persönlichkeit für die Stadt. In den 33 Jahren seines Bürgermeisteramtes, von 1871 bis 1904, entwickelte sich Köpenick prächtig. Unter seiner Führung ist viel Neues in Köpenick entstanden, zum Beispiel auch das heutige schöne Rathaus, mit dem 1906 der Hauptmann von Köpenick berühmt wurde. Dieser war eigentlich ein Schuster. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Der Hauptmann von Köpenick

Es ist schon über hundert Jahre her, da fasste der Schuster Wilhelm Voigt einen recht kühnen Plan. Er kaufte sich beim Trödler eine Hauptmannsuniform. Als Hauptmann verkleidet hielt er am Mittag des 16. Oktober 1906 irgendwo in Berlin einfach zwei Trupps Gardesoldaten an und behauptete, er hätte "allerhöchste Kabinettsordre", um zehn Mann unter sein Kommando zu stellen. Mit diesen fuhr der Hauptmann in der Bahn nach Köpenick, das damals noch ein eigenes Städtchen war. Zwar kam das den Soldaten merkwürdig vor, aber nie hätten sie gewagt, einem Hauptmann zu widersprechen. Die damals übliche preußische Disziplin und Verehrung des Militärs verbot es ihnen. Ein spendables Bier vom Hauptmann beim Zwischenhalt auf der Bahn tat das Übrige. In Köpenick besetzte der falsche Hauptmann mit den Soldaten das Rathaus und ließ durch die Köpenicker Gendarmerie die Umgebung absperren. Sodann verhaftete er den Bürgermeister Georg Langerhans in seinem Dienstzimmer und nahm auch gleich noch den Kassenverantwortlichen, einen Herrn von Wiltberg, wegen angeblich unregelmäßiger Abrechnungen fest. Gegen Quittung beschlagnahmte er die Stadtkasse mit 4002 Mark und 37 Pfennigen, auf die er es ja eigentlich abgesehen hatte. Was er mit dem Bürgermeister und seinem Kassenwart machte? Er ließ sie unter militärischer Bewachung nach Berlin bringen. Es dauerte also eine kleine Weile, bis die ganze Posse aufflog. Der Hauptmann, alias der Schuster Wilhelm Voigt, war bis dahin über alle Berge. All zu lange konnte er sich über seine Beute nicht freuen, denn schon nach 10 Tagen wurde er gefasst.
Mit diesem Husarenstück wurden Köpenick und auch der falsche Hauptmann über Nacht weltberühmt. Die Geschichte kennt heute fast jedes Kind. Filme wurden darüber gedreht und Stücke geschrieben. Heute ist der "Hauptmann von Köpenick" ein Wahrzeichen der Köpenicker Altstadt. Übrigens, im Rathaus von Köpenick gibt es im Erdgeschoss eine kleine Ausstellung über Wilhelm Voigt und seinen Auftritt im Hauptmannskleid anno 1906. Der alte Tresor steht immer noch darin.

Die Waschfrau Mutter Lustig

"Mutter Lustig" klingt lustig. Aber nicht deshalb nannte man die Waschfrau so. Geboren wurde sie als Henriette Bock und heiratete später den Böttcher Christian Lustig. Daher der Name. Henriette Lustig war eine Nachfahrin des Heidereiters Peter Bock, der das Freigut am alten Markt 1665 als kurfürstliches Geschenk erhielt und damals das Gebäude des heutigen Heimatmuseums bauen ließ. Zu Henriettes Zeiten (1808 bis 1888) hatte das Gut allerdings schon einige Male den Besitzer gewechselt.
Auch Henriette lebte am Alten Markt. Anders als bisher üblich, fand Henriette Lustig es viel besser, die Wäsche der reichen Bürger Köpenicks bei sich zu Hause zu waschen. Schon länger hatte sie die Idee, die Wäscherei mit Hilfe mehrerer Waschfrauen zu betreiben. Auf diese Weise konnte sie größere Wäscheberge bewältigen und noch mehr Kunden bedienen bis hinein nach Berlin. Ihr Konzept hatte wohl die Stadtväter überzeugt, denn Henriette Lustig erhielt 1835 als erste die Erlaubnis zum Betrieb einer Lohnwäscherei. Da war sie gerade 27 Jahre alt.
Anfangs trug "Mutter Lustig" in einer auf dem Rücken geschnallten Kiepe die frisch gewaschene Wäsche zu den Köpenicker Bürgern. Später, als die Aufträge größer wurden, half erstmal ein Hundeziehwagen, bis im Jahre 1850 der erste Wäschewagen von Köpenick nach Berlin fuhr.
Es dauerte nicht lange und andere taten es ihr nach. Wasser gibt es um Alt-Köpenick ja genug. Um 1914 soll es 399 Wäschereien in Köpenick gegeben haben, das nun die "Waschküche Berlins" genannt wurde. Henriette Lustig war die Begründerin einer ganzen Industrie - der Wäscherei als Dienstleistung.

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